Presseinformation
 

Wissenschaftskommunikation: Sechs Forscher werden mit dem Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft ausgezeichnet


Neue Therapien für Blinde und präzise Feinstaubmessungen – anschaulich erklärt

Heidelberg, 6.10.2016. Lässt sich die Wahrscheinlichkeit für Wahlmanipulationen berechnen? Kann der Sehsinn blinder Menschen wiederhergestellt werden, indem biochemische „Lichtschalter" in die Netzhaut eingebaut werden? Und: Lässt sich der perfekte Partner mithilfe eines mathematischen Modells finden? Diesen und weiteren Fragen haben sich die sechs Sieger des Klaus Tschira Preises für verständliche Wissenschaft in ihren Doktorarbeiten gewidmet. Ihre Forschungsergebnisse haben sie in einem allgemein verständlichen Artikel in deutscher Sprache zusammengefasst – wissenschaftlich fundiert und leicht nachvollziehbar. Am heutigen Donnerstag werden sie dafür mit dem Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft ausgezeichnet.

Die Klaus Tschira Stiftung (KTS) vergibt die Auszeichnung, die in Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Neurowissenschaften und Physik ausgelobt wird, zum 14. Mal. Der Preis wird in der Alten Aula der Universität Heidelberg um 16 Uhr verliehen. Eine Besonderheit in diesem Jahr: 2016 hat die Jury in den Neurowissenschaften zwei Sieger-Artikel gekürt. In Biologie haben die Juroren keinen Artikel als preiswürdig eingestuft.

Die Preisträger 2016 wurden an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, an der TU Berlin, der University of California in Berkeley, der Eberhard Karls Universität Tübingen sowie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main promoviert. Sie wurden in einem dreistufigen Juryverfahren aus 168 Bewerbern ausgewählt.

„Junge Wissenschaftler müssen vielen Anforderungen genügen. Vielen ist es gerade deshalb auch wichtig, ihre Forschung verständlich zu erklären und sie so vielen Menschen zugänglich zu machen", sagt Beate Spiegel, Geschäftsführerin der Klaus Tschira Stiftung. „Diese Wissenschaftler möchten wir mit dem Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft unterstützen."

Jeder Preisträger erhält ein Preisgeld von 5.000 Euro. Außerdem werden die Siegerbeiträge unverändert in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift bild der wissenschaft veröffentlicht. Allen 168 Bewerbern bietet die Stiftung zudem die Teilnahme an einem kostenfreien zweitägigen Workshop zur Wissenschaftskommunikation an.

Die Bewerbungsrunde für KlarText! 2017 beginnt am 15. November 2016. Einsendeschluss für die Textbeiträge ist der 28. Februar 2017.

 

Presseanfragen:
Renate Ries/ Agnes Schulze
Klaus Tschira Stiftung gGmbH
Presse und Kommunikation
+49-6221-533 102/114
kontakt@klaus-tschira-preis.info

 

Fotos für die Berichterstattung

v.l.: Dr. Martin Brüggemann. Dr. Jiehua Chen, Dr. Ágnes Cseh, Dr. Benjamin Gaub, Dr. Lena Veit, Dr. Martin Pitzer

 

Preisträger 2016

     
KlarText!-Preisträger (Chemie)
Dr. Martin Brüggemann
      KlarText!-Preisträgerin (Informatik)
Dr. Jiehua Chen
     
KlarText!-Preisträgerin (Mathematik)
Dr. Ágnes Cseh
      KlarText!-Preisträger (Neurowissenschaften)
Dr. Benjamin Gaub
     
KlarText!-Preisträgerin (Neurowissenschaften)
Dr. Lena Veit
      KlarText!-Preisträger (Physik)
Dr. Martin Pitzer
         


© Klaus Tschira Stiftung

Auf Anfrage schicken wir Ihnen gerne die Artikel der Preisträger zu, für die sie ausgezeichnet werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zu den Preisträgern.

 

Interview mit Benjamin Gaub:

„Mein größter Wunsch ist es, einen Menschen zu treffen, der durch mein Verfahren wieder sehen kann"

Benjamin Gaub hat den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft 2016 in den Neurowissenschaften gewonnen. In einem allgemein verständlichen Artikel hat er ein Thema kommuniziert, das ihn bewegt: seine Forschung. Gaub ist es gelungen, Mäusen biochemische Lichtschalter in die Netzhaut einzubauen. Damit konnten die Tiere Lichtsignale und bewegte Muster wiedererkennen, verarbeiten und verstehen. Die Mäuse konnten wieder „sehen". Im Interview spricht er über Chancen seiner Forschung und darüber, woran die Kommunikation von Wissenschaft häufig scheitert.

Herr Gaub, können Sie gut sehen?
Benjamin Gaub: Ja, kann ich. Sehr gut sogar.

Woher kommt dann Ihr Interesse, blinden Menschen zu helfen?
Gaub: Es hat nichts mit persönlicher oder familiärer Betroffenheit zu tun. Die Faszination dafür hat mich auf einer Reise durch Kalifornien gepackt.

Inwiefern?
Gaub: Ich habe als Kind und Jugendlicher viele Jahre in Kalifornien gelebt. Nach meinem Bachelor wollte ich unbedingt wieder hin, um dort meinen Master und meinen Doktor zu machen. Aber ich wusste nicht, an welche Universität und ich wusste auch nicht, was ich genau erforschen wollte, nur dass ich in der Neurobiologie forschen wollte. Also bin ich nach Kalifornien geflogen, habe mir ein Auto gemietet und bin die Küste entlanggefahren. Ich habe an die Türen von Professoren geklopft und gefragt, woran Sie forschen.

Wie haben die Professoren darauf reagiert?
Gaub:  Teilweise kam mein spontaner Besuch gar nicht gut an, vor allem in sehr elitären Häusern. In Berkeley hingegen haben sie mich mit offenen Armen empfangen und dort bin ich dann in meinem späteren Labor gelandet. Der Professor hat mich einfach mit ins Labor genommen und hat gesagt: ,Komm, schau Dich um.' Sein Team hat sich mit lichtschaltbaren Kanälen beschäftigt. Vereinfacht gesagt sind das Schalter, mit denen sich unsere Gehirnfunktionen an- und ausknipsen lassen. Die Forschung daran hat mich fasziniert. Und dem Professor dort gefielen meine Eigeninitiative und meine wissenschaftliche Herangehensweise. Ein Jahr später habe ich angefangen, dort zu studieren und Mechanismen zu entwickeln, um blinden Menschen zu helfen.
Sie haben einen Apparat gebaut, der Blinden über akustische Signale und Ultraschallwellen eine bessere Orientierung ermöglicht. Und Sie haben Mäusen biochemische Lichtschalter in die Netzhaut eingebaut. Damit konnten die Tiere Lichtsignale und bewegte Muster wiedererkennen, verarbeiten und verstehen.

Die Mäuse konnten wieder „sehen". Wozu braucht man den Apparat noch, wenn es Ihnen doch gelungen ist, die Sehkraft wieder herzustellen?
Gaub: Beide Ansätze richten sich an ein unterschiedliches „Zielpublikum". Welche Methode die bessere ist, hängt davon ab, ob ein Mensch früher sehen konnte und seine Sehkraft im Laufe des Lebens verloren hat oder ob jemand blind geboren wurde. Denn wenn jemand blind auf die Welt gekommen ist, hat das Gehirn nie gelernt, visuelle Reize zu verarbeiten. Hier kann der gentherapeutische Ansatz also nicht funktionieren. Diesen Menschen können wir aber helfen, indem wir ihnen eine neue Orientierungshilfe an die Hand geben, das Sonic Eye, das ich gemeinsam mit anderen Studenten in Berkeley gebaut habe.

Wann können beide Techniken an Menschen erprobt werden?
Gaub:  Das Sonic Eye war sofort einsatzbereit und während meiner Zeit in den USA haben einige Probanden den Prototypen bereits erfolgreich ausprobiert. Aktuell ist eine Mini-Version des Geräts in Arbeit, eine schlankere und leichtere Ausführung, die über das Smartphone steuerbar ist. Das ist das Schöne an dem Gerät, es ist sofort anwendbar. Seine Schwäche liegt aber darin, dass es Blindheit nie wirklich heilen können wird. Das erhoffe ich mir aber von der gentherapeutischen Behandlung. Eine amerikanische Firma wird die Methode in den kommenden Jahren in klinischen Studien an Menschen testen. Wenn die Tests erfolgreich verlaufen, können Menschen in zehn Jahren hoffentlich auf diese Weise behandelt werden . . .

. . . und wieder sehen?
Gaub:  Das hoffe ich. Mein größter Wunsch ist es, einen Menschen zu treffen, der durch mein Verfahren wieder sehen kann.

Beide Ansätze klingen äußerst spektakulär. Warum hat die Öffentlichkeit davon bislang nichts mitbekommen?
Gaub:  Das liegt an mehreren Dingen. Projekte dieser Größenordnung macht man eigentlich erst dann publik, wenn sie fast fertig sind, am besten sogar erst wenn sie schon in Fachkreisen veröffentlicht und Patente gesichert wurden – damit einem niemand die Idee wegschnappt. Und dann ist die Frage, wie kommuniziere ich mein Thema? Mit dem Sonic Eye gelang uns das recht mühelos, wir hatten den Prototypen und den konnten wir auf Messen oder Veranstaltungen auf dem Campus interessierten Leuten zeigen und auch ausprobieren lassen. Der Prototyp ist etwas Greifbares. Mit der Gentherapie sah es da schon schwieriger aus. Ich konnte schließlich nicht einfach Mäuse zeigen, die irgendetwas tun. Deshalb habe ich mich eher auf die Öffentlichkeitsarbeit für das Sonic Eye konzentriert.

Sind Sie der Ansicht, die Kommunikation Ihrer Wissenschaft fällt in Ihr Aufgabengebiet?
Gaub:  Ich denke, Wissenschaftskommunikation ist sowohl Aufgabe des Wissenschaftlers als auch der Hochschulen. Gemeinsam sollten sie dafür sorgen, ihre Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Mein komplettes Studium in den USA wurde vom amerikanischen Steuerzahler finanziert, dennoch werden die wenigsten Amerikaner erfahren haben, dass ich einen gentherapeutischen Ansatz entwickelt habe, der die Sehfähigkeit wiederherstellen könnte. Das ist sehr schade.

Hat Sie dieser Gedanke angespornt, sich um den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft zu bewerben?
Gaub: Ja, auf jeden Fall. Ich erzähle im privaten Umfeld immer gerne von meiner Forschung. Vor allem Menschen, die mit Neurobiologie nichts zu tun haben, sind dann oft fasziniert und begeistert. Das wollte ich auch mit meinem Artikel erreichen – nur in größerem Stil.

Fotos für die Berichterstattung

     
©Benjamin Gaub       © Klaus Tschira Stiftung

 

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Die Klaus Tschira Stiftung gemeinnützige GmbH fördert die Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik sowie die Wertschätzung der Öffentlichkeit für diese Fächer. Zur Stärkung der Kommunikationskompetenz von Wissenschaftlern hat die Stiftung 2012 das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation gegründet. Weitere Informationen: www.klaus-tschira-stiftung.de; www.nawik.de